29.11., 06:43h, Mein Wecker klingelt. Viel zu schrill. Ich drücke nicht auf Snooze – und damit beginnt der Tag des letzten Großstreiks.
Was ist an jenem Tag passiert, das euch interessieren könnte? Was gibt es, was ich der Welt unbedingt mitteilen will?

Fotograf: Lukas Höhn

Ich könnte erzählen von der Autofahrt im Regen, und wie ich nach einer zu kurzen Nacht plötzlich wieder lächeln kann, als Anouk sich über Sanders stumpfen Techno beschwert. Und davon, wie sie sich auf Irie Révoltés „Die Ruhe vor dem Sturm“ einigen können.
Ich könnte davon erzählen, wie dankbar ich für Max absolut lächerliche und unglaublich lustigen Witze bin, und davon, wie die Nachbarin an der Hofstatt uns beim Aufbau Kaffee vorbeibringt und wie Karol magischerweise den Überblick über das Chaos behält, oder ich könnte mich selbst für meine Voraussicht loben, Schokolade für alle mitgebracht zu haben, oder aber ich könnte vom Abend nach der Demo berichten – aber das sind Details, Details. Viel zu nette Kleinigkeiten.
Nicht wahr?

Denn die Wahrheit ist doch, dass der 29.11., dieser ekelhafte, nasskalte Novembertag, eine Niederlage war.
An diesem Tag wurde ich bitter enttäuscht und habe auf ein einziges Mal so viel Hoffnung verloren wie zuletzt, als ich in die verweinten Augen einer Kuh blickte, die zitternd in ihrem Anhänger auf dem Weg in ein Züricher Schlachthaus stand. Ich habe realisiert, dass es keinen Masterplan, keine Rettung, kein Paradies, kein Wegrennen vor der Klimakatastrophe gibt.
Ich habe mir erneut die Frage gestellt: Ist es moralisch, glücklich zu sein in einer Welt, in der 800 Millionen Menschen hungern, Kriege zigtausende Menschenleben kosten, Sklaverei und Menschenhandel Realität sind, die Klimakrise bereits hunderttausende Opfer fordert und allem voran 40 000 Tierleben pro Sekunde vernichtet werden?

Nein.
Das mag zynisch klingen, aber die Antwort ist ganz offensichtlich: Nein.
Noch nie habe ich Camus besser verstanden – absurd ist nicht die Sinnlosigkeit unseres eigenen Lebens, sondern vor allem das Leiden im Leben anderer.
Vielleicht bin ich euch zu pessimistisch, vielleicht denkt ihr, der Tag war doch ganz erfolgreich abgesehen von ein bisschen Regen hier und da.
Vielleicht muss ich weiter ausholen. Ich versichere euch, wir haben absolut alles für diese Demo getan. Ich werde nicht anfangen aufzuzählen, wie viele Emails, Telefonate und Stunden verlorenen Schlafs dazu gehörten, aber es waren viele. Zur Zeit des 20.09. hätten wir mit diesem Einsatz in Überlingen mindestens 1500 Menschen erreicht, mindestens. Aber es kamen nur 500, während wir bundesweit von 1,4 Millionen auf 630 000 fielen.

Fotograf: Lukas Höhn

Zu realisieren, dass unsere Bemühungen, unser Herzblut, unsere Tränen nicht proportional waren mit dem Engagement der Bevölkerung – und vor allem nicht mit der Antwort der Politik – hat mich verzweifeln lassen. Wenn wir alles tun, was wir können, mit allen Ressourcen, die wir haben, bis alle Orga-Mitglieder bundesweit das Burnout riskieren, und trotzdem nichts passiert – was dann?

Was dann?
Was dann?, will ich Max fragen, den ich nach seiner Rede zur Seite ziehe und in die Arme nehme. „Ach Madlen“, sagt er, immer und immer wieder, und irgendwann wird er still, ich höre nur sein Schluchzen – oder meines? Wir weinen. Beide. Ohne Worte. Im Hintergrund spielt die Band, ich zittere vor Kälte, klammere mich an ihm fest; ich weiß ja nicht, an was sonst.
„Was dann?“, frage ich und kann Max noch nicht einmal ansehen. „Egal, was wir tun, es werden immer weniger Leute kommen. Irgendwann verkauft sich das Thema nicht mehr, niemanden interessiert es, und zurück bleiben wir als ein kleiner Haufen Jugendlicher, die Angst vor der Zukunft haben.“ Hinter ihm blicke ich auf die dreißig, vielleicht vierzig Demonstranten, die noch mit uns in der Kälte ausharren. Ja, das ist die Bilanz: Schon nach einer Dreiviertelstunde sind nur noch 5% übrig von einer Menge, die bereits von Anfang an viel zu klein war.
„Was dann?“, frage ich tonlos. „Was, wenn Fridays For Future verschwindet und irgendwann niemand mehr kommt? Diese Bewegung ist unsere einzige, unsere letzte Chance. Was sollen wir dann noch tun?“
Max hat keine Antwort. Natürlich nicht.
Ich geh zurück in die Menge und tanze und tue so, als wäre nichts und spüre den absurd starken Wunsch, mich hemmungslos zu betrinken.
Es gibt keine Garantie, dass wir die Menschheit vor dieser Klimakatastrophe retten. Im Gegenteil, wir rasen mit großer Wahrscheinlichkeit auf Milliarden frühzeitiger Tode und schlussendlich unsere Ausrottung zu. Es gibt nun wirklich keine schlimmeren Aussichten – der Tod aller ist das ultimative worst case scenario.
Alles, was uns im Angesicht dessen bleibt, sind die kleinen Details. Die guten Momente.

Kurzweilige Glücklichkeit gegenüber der Ausrottung unserer Spezies? Man könnte sagen, das sei der „worst trade deal, maybe, ever“.
Doch auch wenn wir es uns nicht ausgesucht haben: dies ist jetzt unsere Realität. Mehr Luxus und Liebe wird es nicht geben und es hilft niemandem, wenn wir uns der Glücklichkeit verweigern. Niemand profitiert. Hungernde Kinder werden nicht glücklicher, wenn wir depressiv werden.

Daher: Die Revolte! Camus wusste es schon damals. Wir sollten weiterkämpfen, wie wir es bereits tun; und uns auf dem Weg mit so viel schönen Momenten vollstopfen wie nur möglich. Liebe Aktivistis und Weltverbesserer: Habt Fressattacken der Glücklichkeit und packt euch die Taschen mit Proviant voll. Nehmt, so viel ihr kriegen könnt. Nehmt mehr -und bitte nur die Crème de la crème! Such euch die besten, ehrlichsten, tollsten Menschen aus und lasst sie nicht los.

Was ich damit meine, fragt ihr euch? Ich könnte euch erzählen von Sanders Umarmung in seiner warmen Jacke nach dem Ende des Streiks,
oder von dem göttlich süßen Hafercappuccino, der meine Hände endlich auftauen lässt, und natürlich von all den Helfer*innen die zum Abbau bleiben, oder aber von Jonas und Max‘ Stockkämpfen, die mich wieder zum Lachen bringen; ich könnte euch erzählen von der Heimfahrt im beheizten, vollgepackten Auto und dem veganen Abendessen und der Doku vom schwarzen Block, die uns so beeindruckt hat, und von Karol, der sogar am nächsten Tag noch die Energie fürs Aufräumen findet – aber das sind meine Details. Meine Momente.

Ich weiß, dass ihr eure eigenen habt und ich will, dass ihr sie sehr, sehr fest haltet.
Hört nicht auf zu kämpfen. Aber hört auch nicht auf, glücklich zu sein.

Revoltiert.

Bildergalerie

Der Anfang

Während der Demo

Bühne und Menschen

Vielen Dank an Lukas Höhn, Matthias Hoppe und all die anderen Fotografen für die tollen Bilder!