29.11.AllgemeinDemorückblick

Der 4. internationale Klimastreik | Wie Sander den 29.11. erlebt hat

Es ist schwierig die ganzen Gedanken in Worte zu fassen, die einem an so einem Großstreik im Kopf herumgehen. Da war so vieles auf das wir achten und was wir richtig machen wollten. In der Vorbereitung haben wir uns extrem Mühe gegeben an alles zu denken – aber der Regen an dem Tag war eine große Herausforderung und hat dazu geführt dass wir es noch stressiger hatten als sowieso schon. Trotzdem konnten wir alles rechtzeitig herrichten sodass man nicht bemerken würde was für einen Stress wir zu Beginn hatten. Auch die verspätete Technik konnten wir noch aufbauen und verkabeln, bevor der Demozug endgültig ankam. Die Stimmung war super und das Orga Team war herzlich wie immer. In dieser Bewegung steckt eine unglaubliche Energie die wir an diesem Tag als Team untereinander einmal mehr erleben durften.

Fotograf: Lukas Höhn

Trotzdem waren wir enttäuscht wie wenig Leute dem Aufruf gefolgt waren, obwohl wir unzählige Stunden investiert hatten um am 29.11. für unsere Zukunft einzustehen.
Es geht uns nicht darum ein paar Blümchen zu schützen, sondern es geht um den Fortbestand der Menschheit. Die Wissenschaft prognostiziert für das Jahr 2050 Kriege um Essen&Wasser sowie 1 Milliarde Flüchtende aufgrund der Klimakrise. Wir vernachlässigen die Schule, unsere Freund*innen und unsere Familie weil wir keine Perspektiven für die Zukunft sehen. Und so blieb an diesem Tag ein bitterer Beigeschmack, denn die internationalen Großstreiks scheinen zu einem Event verkommen zu sein bei dem man halt mal dabei ist oder eben auch nicht. Dabei geht es um so viel mehr als nur eine schöne Natur.
Es geht um die essentiellen Bedürfnisse des Lebens.

Fotograf: Lukas Höhn

Der Kern dieser Bewegung war seit Beginn geprägt von Menschen, die aus Verzweiflung handeln, auch wenn sie dafür ihre eigene Bildung und vieles darüber hinaus riskieren müssen. Das Unverständnis für die größte Katastrophe der Menschheitsgeschichte ist so groß wie die Katastrophe selbst. Was sind die Optionen einer Jugend, die sich kurz vor dem Ende der Menschheitsgeschichte sieht und in einer Gesellschaft lebt die über Plastiktüten, Jutebeutel, Strohhalme, Fahrzeuggrößen, Teelichter und Zimmerpflanzen diskutiert anstatt über die grundlegenden Probleme der Klimakrise? Seit Jahrzehnten sind sich Wissenschaftler*innen über die die grundsätzlichen Drehschrauben und Effekte der Klimakrise einig. Trotzdem diskutieren wir immer wieder um Belanglosigkeiten. Wir erleben große Stars wie Mario Barth oder auch Dieter Nuhr, die teilweise fälschliche Aussagen verbreiten und das dann auch noch in zynischer Weise mit Witzen verarbeiten, während Hundertausende akut in Lebensgefahr schweben weil ein reicher globaler Norden massiv über alle planetarischen Grenzen hinweg in überflüssiger Dekadenz lebt. Wir leben in einem System, das neben immer mehr Reichtum für wenige auch Armut, Hoffnungslosigkeit, Existenzängste und Verzweiflung für Viele produziert. Unsere Gesellschaft wird zunehmend psychisch und physisch krank. Wir erleben steigende Kinderarmut oder Elend wie Sklaverei, Zwangsprostitution, Menschenhandel, Folter, Zwangsbeschneidungen, Hunger, Krieg und Ausbeutung – und all das, während einige wenige in einem der reichsten Länder der Erde behaupten, sie würden mit einem Tempolimit oder Dieselfahrverbot eine ihrer letzten Freiheiten verlieren. Dabei sind diese Maßnahmen eben keine, die einen maßgeblichen Einfluss hätten oder eine der großen Veränderungen bedeuten würde.
Die Aussichten sind schlecht, was wir am 29.11 deutlich daran merken konnten, dass allein schon Regen viele davon abhält für ihre Zukunft einzustehen.

Doch was sind die Optionen? Was sollen wir in unserer Hoffnungslosigkeit tun, wenn die Entscheidungen nicht einmal in unserer Hand liegen? Das Schicksal lässt uns nicht verhandeln; genauso wenig wie die Schwerkraft, die Fliehkraft oder die Klimakrise. Schon allein diese Tatsache scheint für den Großteil unverständlich. Viele nehmen sich das Recht heraus öffentlich und voller Selbstbewusstsein die Wissenschaft anzuzweifeln, während sie tagtäglich durch Smartphone, Funk, Medizin, Auto, oder Wetterbericht die wissenschaftlichen Erkenntnisse in Anspruch nehmen. Viele Diskussionen sind paradox im Verhältnis zu der Zerstörung die uns bevorsteht.

Es wird immer schwieriger die Hoffnung zu behalten, dass wir diese Krise noch rechtzeitig abwenden. Auch im Angesicht von sinkenden Streikzahlen allein aufgrund von Regen wird es schwierig den Willen zu behalten und immer mehr Zeit, Ressourcen, Mate und Nachtschichten zu investieren. Doch es bleibt uns keine andere Wahl. Die Schönheit des Lebens ist so kostbar, dass es sich niemals lohnen würde sie aufzugeben. Um es extrem auszudrücken: die Hoffnung zu verlieren wird die Welt auch nicht retten. Das klingt drastisch, doch drückt ziemlich klar aus was für viele der FfF Aktivist*innen der letzte Antrieb ist. Wir müssen stark bleiben um auch die allerletzte und kleinste Chance nutzen zu können. Wir selbst sind die Veränderung die wir uns wünschen. Aus diesem Grund gibt es auch nach Rückschlägen keine andere Option als weiter zu machen.

Zusammengefasst erlebte ich an diesem Tag jede Emotion zwischen Hoffnung und Verzweiflung zwischen Herzlichkeit und Kälte, zwischen Mut und Ohnmacht, und zwischen Glück und Niederlage.


Bildergalerie

Der Anfang

Während der Demo

Bühne und Menschen

Vielen Dank an Lukas Höhn, Matthias Hoppe und all die anderen Fotografen für die tollen Bilder!



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.