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One Struggle, One Fight! Feminismus und die Klimakrise

Der heutige Tag ist ein historischer, denn am 08. März feiern wir nicht weniger als die halbe menschliche Weltbevölkerung – Frauen jeden Alters, jeden Wesens und jeder Couleur.
Wir feiern biologische Frauen und solche, die in anderen Körpern geboren wurden. Frauen*, die vor der Wiege ihres Kindes stehen und die, vor denen ein voller Konferenzraum sitzt. Frauen*, die sich morgens ausgiebig schminken und die, die keinen Wert auf lange Wimpern geben.
Vielleicht macht ihr diese Unterschiede. Vielleicht zieht ihr eine Linie zwischen diesen Personen, gebt ihnen einen Wert, stellt eine Skala auf: Sie ist eher mehr Frau, die da eher weniger.
Aber wir tun das nicht. All diese Menschen sind Frauen* und das eint uns, vor allem heute.
Als junge Frauen von Fridays For Future Bodensee haben wir uns zusammengesetzt und uns gefragt, was uns der 08. März bedeutet, wie Geschlechtergerechtigkeit mit Klimagerechtigkeit zusammenhängt und wie gut unsere eigene Umweltbewegung in Sachen Sexismus und Diskriminierung wegkommt.


Kritische Leser fragen sich wahrscheinlich: Warum? Ist das nicht reine Zeitverschwendung unsererseits? Tatsächlich stehen wir oft meist weißen, heterosexuellen cis-Männern gegenüber, die den Feminismus für tot erklären oder sich zumindest wünschen, er sei es. In unserem Land, wettern sie, da wird niemand diskriminiert. Gleichstellungsbeauftragte? So sehr wir als Deutsche lange Wörter lieben, hier werden sowohl Buchstaben als auch Steuergelder verschwendet. Frauenquoten? Damit fangen wir erst gar nicht an.
Wie können wir solchen Menschen erklären, dass die Beweislast nicht bei uns Frauen* liegt, zu demonstrieren, dass wir diskriminiert werden? Die Waage der Geschichte war so lange so offensichtlich den Männern zugeneigt, dass wahre Gleichberechtigung noch heute die Ausnahme und nicht die Norm ist. Noch zwanzig Jahre vor meiner Geburt durfte eine Frau nicht ohne die Zustimmung ihres Ehemanns arbeiten gehen – niemand kann mir erklären, dass der Einfluss dieser offensichtlichen Diskriminierung und Entmenschlichung von Frauen sich bereits in Luft aufgelöst hat.
Frauen und Männer sind zwar in Deutschland per Gesetz gleichgestellt, aber im alltäglichen, öffentlichen Leben ist es oft spürbar, dass man als Frau immer noch anders behandelt wird und einen anderen Wert zugeschrieben bekommt, erklärt auch Anouk. „Ich rede von Sexismusattacken und Diskriminierung, welche vielleicht auf den ersten Blick gar nicht auffallen, weil sie sich häufen und weil wir damit aufgewachsen sind.“ Das Ringen darum, als Mensch angesehen zu werden – gleich, wie man aussieht – gilt übrigens auch den Männern*.
„Was mich am meisten stört ist, dass dieses Spiel gerade unter Altersgenossen mitgespielt wird – beispielsweise in der Schule. Bei Frauen geht es oft nur ums Aussehen. Entspricht dieses nicht der gesellschaftlichen Norm, wird sofort gelästert – von Männern und Frauen. Wenn das Äußere nicht passt, ist auch das Innere nichts wert, so kommt es mir manchmal vor.“


Gleichzeitig ist uns allen bewusst, dass wir als „weiße deutsche Frau, ohne Fluchtvergangenheit, ohne Migrationshintergrund und mit dem Privileg, in einer sozialen Oberschicht zu leben“ – so sagt es Anouk – bereits einen vergleichsweise weiten Weg hinter uns haben. „Weltweit werden Millionen Frauen aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert. Es gibt Verstümmelungen, Vergewaltigungen, Zwang sich aufgrund von Religion zu bedecken. Sie werden von Männern dominiert und kontrolliert, sind ohne viele Rechte.“
Deshalb, schaltet sich auch Juli ein, stehen wir nicht nur für uns selbst auf. Wir wissen um unser Privileg und kämpfen dafür, dass rund um die Welt, rund um die Uhr Tag der Frauen ist.

Dass sich dieses Anliegen wunderbar mit unserer Forderung nach Klimagerechtigkeit deckt, ist kein Zufall. Taila und Blanda wissen, dass die Folgen des Klimawandels Frauen* stärker treffen werden als Männer. Oder, wie die Heinrich Böll Stiftung es prägnant formuliert: Der Klimawandel ist nicht geschlechtsneutral. Bei extremen Wetterereignissen sterben Frauen öfter, sie leiden mehr an der darauffolgenden Armut und an Ernährungsengpässen, und generell ist die Mehrheit der Menschen in Armut weiblich – und die sind bekanntlich am meisten von den Folgen des Klimawandels betroffen. Diese Liste könnten wir noch sehr lang weiterführen, aber stattdessen hinterlegen wir hier eine Liste für interessierte Leser:

Ananda geht noch einen Schritt weiter: Wir können Klimagerechtigkeit nicht erreichen, wenn wir uns gleichzeitig nicht auch bemühen, andere Unterschiede zwischen uns aufzulösen, erklärt sie. „Schließlich müssen wir alle an einem Strang ziehen; und wenn wir all unsere Energie schon auf andere soziale Probleme verwenden, bleibt wenig für den Klimaschutz übrig.“ Damit hat sie nicht Unrecht, denn für uns alle sind andere Themen ein wenig in den Hintergrund getreten, als unser Engagement für FFF begann. Die Aussicht auf eine globale, irreversible Krise, die zahlreiche Tode mit sich ziehen wird, lässt so manche Probleme in anderem Licht erscheinen.
Taila wiederum hat wenig Hoffnung, dass wir die größten Folgen der Klimakatastrophe abwenden werden. Aber wenn wir das schon nicht schaffen, so sagt sie, dann sollten wir wenigstens versuchen, Geschlechtergerechtigkeit herzustellen und verhindern, dass bei diesen Katastrophen Frauen und Kinder mehr leiden als Männer.
Juli stellt sich währenddessen die Grundsatzfrage: Was soll das überhaupt mit der Klimakrise und dem Sexismus? Sollte es nicht selbstverständlich sein, auf einem gesunden Planeten zu leben, ohne aufgrund des Geschlechts diskriminiert zu werden?
Das ist für viele von uns die entscheidende Antwort auf die Frage, was Klimaaktivismus und Feminismus miteinander verbindet:
Gerechtigkeit. Es geht um eine gerechtere Welt. Und wer nicht unterscheidet, sondern sich dem allgemeinen Wert der Gerechtigkeit verschreibt, der wird sowohl am 08. März als auch beim Großstreik am 24.04. auf den Straßen zu finden sein.

Sehen wir uns am 24.04. in Friedrichshafen?

Nur eine Frage bleibt noch: Wie macht sich die Klimabewegung, wenn es um die gleichwertige Behandlung von Frauen* geht? Der Konsens in unserer Ortsgruppe ist: Wirklich gut. Hier fühlt man sich gestärkt, sagt Ananda; Feminist*in zu sein ist hier die Norm. Das genießt auch Juli, die sich hier nicht rechtfertigen und andere aufklären muss – man weiß Bescheid über Diskriminierung, Sexismus und Hasstiraden. Geschlechter sind bei FFF egal, meint Anouk – und wenn man sich doch mal diskriminiert fühlt, bestätigen Taila und Blanda, dann wird das ernst genommen.
Fridays for Future positioniert sich zu Recht in keinem politischen Spektrum. Trotzdem lehnen sich viele Menschen aus unsere Ortsgruppe nach links, deshalb erstaunt es niemanden, dass hier insbesondere Frauen* und queere Menschen Gehör und Verständnis finden.

Auf der bundesweiten Ebene von FFF tragen die pinken Flaggen zum Frauen*tag einen schmutzigeren Ton. Tatsächlich streiken heute mehr als 200 Menschen, die sich als FINTA* (Female, Intersex, Nonbinary, Transgender, Agender) identifizieren, da sie innerhalb der Bewegung gravierende Diskriminierung über sich haben ergehen lassen. Sie lassen ihre Arbeit ruhen und wollen so zeigen, dass sie sich gegen die patriarchalischen Strukturen wehren, die sich auch bei FFF reproduzieren: Cis-Männer, also Personen, die bei der Geburt dem männlichen Geschlecht zugewiesen wurden und sich auch als Mann identifizieren, sind stärker in der Organisation vertreten, haben einen größeren Redeanteil, werden für ihre Erfolge lauter gefeiert und bei wichtigen Fragen als erstes konsultiert. Der FINTA*-Zusammenschluss appelliert daher an die Cis-Männer der Bewegung: Reflektiert – am Frauentag und darüber hinaus – wo ihr in Sachen Gleichberechtigung steht, und was ihr besser machen könnt.

Wir Frauen von der OG Bodensee möchten diesen Sexismus nicht herunterspielen, auch wenn wir die Klimabewegung bisher anders erlebt haben. Die Erfahrungen dieser FINTA* Personen sind absolut ernst zu nehmen.

Wir glauben jedoch daran, dass wir uns als Bewegung und als Menschen ändern können – und der Appell, es besser zu machen, ist dafür ein erster Start.

Für ein Jahr 2020, in dem der Klimakrise der Kampf angesagt und der Sexismus beendet wird.

ONE STRUGGLE, ONE FIGHT!

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